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Immer und überall?



Dieser kleine Kerl ist mir letztens über den Weg gelaufen.

Nein, stimmt nicht, er saß - ich lief. Ich war mit dem Makroobjektiv im Garten unterwegs. Nach Regennächten findet man dort immer die wunderbarsten Motive. Der zeitige Frühling hat dafür gesorgt, dass alles schon üppig grünte und teilweise auch blühte. Was aber sucht sich der kleine Kerl als Rastplatz aus?? Einen alten, dreckigen Plastikuntersetzer. Ihn bewegen vor eine schönere Kulisse, kam nicht in Frage. Sicher wären dann die Perlen aus seinem Pelz gefallen. Auf das Photo verzichten, weil die Umgebung sch... aussieht? Das konnte ich nicht. Ich habe bestimmt zwei Dutzend Aufnahmen gemacht aus allen möglichen Perspektiven. Davon war diese Eine, die ich noch zurechtgeschnitten und nachbearbeitet habe, um das Augenmerk allein auf ein paar wenige Zentimeter Raupenhaare mit Tautropfen zu lenken. Die ganze Prozedur vom ersten Auslösen bis zum fertigen Bild hat mich bestimmt zwei Stunden gekostet. Und das alles nur für eine Raupe.
Szenenwechsel. Im April war ich auf Mainau. Die Frühblüher liefen gerade zur Höchstform auf, alles war bunt, bunt, bunt. Nach Hause gekommen bin ich mit nur einer Handvoll Bilder. Gerade einmal zwei davon habe ich entwickelt und dann noch zu einem Diptychon zusammengefasst, weil sie mir einzeln zu langweilig waren.
Wieso hat es die Mainau nicht geschafft, mich zu inspirieren? Zu viele Menschen? Ja, das auch, aber nicht allein. Keines der Motive hat mich wirklich angesprochen. 
Ich hab schon oft gelesen, dass man doch ab und an seine Komfortzone verlassen und etwas Neues ausprobieren soll. Bilder machen, die man normalerweise nicht machen würde. So z.B. der Landschaftsphotograph, der mit dem Makroobjektiv loszieht. Oder statt Stillleben photographiert man Straßenszenen. Das soll die Kreativität anregen, festgefahrene Gewohnheiten aushebeln. Als ich auf Mainau so gar nichts finden konnte, hab ich an diese 'Weisheit' gedacht. Ich habe mich dann quasi gezwungen zu photographieren. Ich bin den Menschentrauben gefolgt. Dort, wo die meisten standen, musste ja wohl etwas Interessantes sein. 
Es hat nichts genutzt, ich kann mit den Bildern bis heute nichts anfangen. Ich hatte an jenem Tag wohl einfach keine Lust zu photographieren. Und ich sehe das jedem einzelnen der Bilder von diesem Tag an.
Ich liebe die Photographie und Tage, an denen ich nicht photographieren kann, sind für mich unvollkommen, etwas fehlt. Was läuft bei mir falsch, wenn ich eine Traumkulisse wie Mainau nicht zu nutzen weiß, dafür aber vor einer kleinen Raupe auf dem Bauch herumrutsche?